Bummel durch die Sonneberger Architektur
  

Wie ein Füllhorn quillt die Spielzeugstadt Sonneberg aus den engen Tälern des Schiefergebirges in die Ebene, die sich nach Franken hin öffnet. Im Bezug zur mitteleuropäischen Kunst- und Architekturgeschichte sind Sonneberg und seine einzelnen Ortsteile sehr jung.

Die Bürgerschaft nutzte nach dem letzten Stadtbrand von 1840 die Chance einer zukunftsträchtigen Stadtplanung. Weit entfernt vom damaligen Stadtrand wurde die neue Stadtkirche St. Peter errichtet. Als Architekten holte man sich Karl Alexander von Heideloff, einen der bedeutendsten neugotischen Architekten Deutschlands. Im neugotischen, im "vaterländischen Stil", sah das liberale Bürgertum nicht nur einen repräsentativen Baustil, sondern auch einen Ausdruck seiner politischen Einstellung, die in Richtung eines geeinten Deutschlands ging. Doch der Bau von Kirche und altem Rathaus – ebenfalls ein Bau Heideloffs – war nur der Auftakt zu einer immer stürmischeren Entwicklung.
 
Die aufstrebende Spielzeugindustrie nach Gewerbefreiheit (1862) und Reichsgründung (1871) führte zu einem ungeahnten Bauboom. Ein schachbrettartiges Straßennetz, ausgerichtet auf die weitere Erschließung von Bauland im Süden der Stadt, war nur ein Element der fortschrittlichen Stadtplanung in Sonneberg. Kaufleute und Fabrikanten, aber auch die Beamtenschaft Sonnebergs schufen sich repräsentative Gebäude, von denen trotz zweier Weltkriege und sozialistischer Misswirtschaft noch einiges an Pracht erhalten ist. Geschickte Architekten haben der Stadt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ihren Stempel aufgedrückt.
 
Der Münchner Architekt Albert Schmidt, selbst in Sonneberg geboren, unterhielt in der Zeit der Jahrhundertwende ein eigenes Architekturbüro in der Spielzeugstadt. Waren Albert Schmidt und seine Auftraggeber aus der Führungsriege der Spielzeugindustrie noch weitgehend dem Historismus verpflichtet, so griffen viele Spielwarenfabrikanten um 1900 das Formengut des Jugendstils begierig auf. Der gesamte Juttaplatz unterhalb des Spielzeugmuseums zeigt noch heute eine fast überquellende Jugendstil-Ornamentik.

Nach dem ersten Weltkrieg holte man sich eigene Architekten nach Sonneberg. Der langjährige Stadtbaudirektor Karl Dröner dürfte der bedeutendste unter ihnen sein. Unter seiner Regie wurde das moderne Stadtbild während der 20-er Jahre vollendet und 1927/28 das neue Rathaus errichtet. Nennenswertes schufen aber auch die Sonneberger Architekturbüros von Walter Buchholz sowie Boxberger & Herbart. Die Verwendung neoklassizistischer Formen – so bei Rathaus und AOK-Gebäude am Bahnhofsplatz – findet sich in Sonneberg ebenso wie expressionistische Architektur und Motive des Art Déco.
 
Ein solches Meisterwerk expressionistischer Architektur ist das Einkaufshaus der amerikanischen Firma S.S. Kressge in der Gustav-König-Straße, das aus den 20-er Jahren stammt.

Sonnebergs Besonderheiten sind aber nicht architektonische Großprojekte. Wer diese entdecken will, der muss genauer hinsehen, durch die Stadt bummeln. Dann wird er so manches liebevolle Detail finden, dem in den letzten Jahren wieder mehr zur Geltung verholfen wurde.

Schaut man näher hin, wird man oft einen deutlichen Bezug zu Funktion und Hausbesitzer erkennen. Da thront über der einstigen Industrieschule – dem heutigen Spielzeugmuseum – die Göttin aller Künste, Athene, während in der benachbarten ehemaligen Handelsschule der Handelsgott Merkur über allen wacht. Das AOK-Gebäude am Bahnhofsplatz und das einstige "Volkshaus" am Unteren Markt zeigen an der Fassade Reliefs, die sich auf Spielzeug und die Spielzeugindustrie beziehen.
 
Ein echtes Schmuckstück ist die Coburger Allee. Unter dem Einfluss der Heimatschutzbewegung entstanden dort zahlreiche Villen, die durch Sichtfachwerk, Verschieferung und durchbrochenes Holzwerk besonders auffallen.

Natürlich wird in Sonneberg noch immer kräftig gestaltet und gebaut, aber auch liebevoll restauriert und saniert. Beste Bespiele hierfür ist das 1997 umfassend sanierte alte Rathaus, aber auch die neu gestalteten Plätze in der Innenstadt, der Hanns-Arthur-Schönau-Platz mit den vor allem bei Kindern beliebten Wasserspielplatz und der PIKO-Platz als neue Stadtmitte.

Wenn Sie also einmal Lust haben, durch die letzten 160 Jahre Baugeschichte zu spazieren, dann wäre die Spielzeugstadt Sonneberg die richtige Adresse.
 


Deutsches Spielzeugmuseum, ehemalige Handelsschule
  

Altes Rathaus am Markt – 1997 umfassend saniert
 

Gebäudeensemble am Bahnhofsplatz – AOK-Gebäude und neues Rathaus
 

Sonneberger „Bügeleisen“ nach dem Vorbild des Flat Iron Building in New York
 

 

In der Coburger Allee
 

Fassadendetail am Kressge-Einkaushaus
 

PIKO-Platz
 

Die Bärenskulptur am PIKO-Platz lädt zum Spielen ein
 

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