11.08.03

Ideenfindung zur zukünftigen Nutzung des ehemaligen "PIKO“-Geländes

Glöckner Architekten GmbH
Nürnberg

 

Erläuterungsbericht STATT BRACHE Ideenwettbewerb
PIKO Areal Sonneberg

Geschichte
Das Gelände der ehemaligen PIKO kann auf eine recht bewegte Ge-schichte zurückschauen und spielt in der Entwicklung der Stadt Sonneberg eine zentrale Rolle.

Als führender Großhandelsbetrieb für Spielwaren eröffnete im Jahr 1887 die mit Hauptsitz in den USA ansässige Firma Borgfeld auf dem Areal an der Köppelsdorfer Straße eine Niederlassung. Die zukünftige Bedeutung der Stadt als Zentrum der Spielzeugherstellung wurde somit durch die Firma Borgfeld maßgebend vorangetrieben und manifestiert.

Die Weltwirtschaftskrise und die Verdrängung der Spielzeugindustrie durch rüstungsrelevante Betriebe führte 1933 zur Aufgabe der Produktion. 1937 begann auf dem ehemaligen Firmengelände der Bau des Luftwaffenbekleidungsamtes, in welches der bestehende Ge-bäudekomplex einbezogen wurde. Das damals sogenannte Baufelds-Eck, Sitz der gleichnamigen Speditionsfirma und Gastwirtschaft, fiel den stringenten Baumaßnahmen der Nationalsozialisten zum Opfer und es entstand eine nüchterne Blockrandbebauung an der schon da-mals belebtesten Kreuzung des Stadtzentrums.

Nach dem Krieg diente das Gebäude als Quarantänelager für Flücht-linge, bevor 1948 die Volkspolizei, der Rat des Kreises sowie weitere Dienststellen einzogen.

Im Jahr 1959 beschloss die SED das sogenannte „Spielwaren-dokument der DDR“, dass den Aufbau der Pionierkonstruktion (PIKO) in Sonneberg vorsah. Ab 1963 wurden Modelleisenbahnen und elektromechanische Spielzeuge auf dem ehemaligen Borgfeld-Gelände hergestellt.

Durch starken Produktionsrückgang nach der Wende, sah sich die PIKO gezwungen, dass für sie zu groß gewordene Areal aufzugeben. Nachdem vergeblichen Versuch des Bundesvermögensamtes die Immobilie an private Investoren zu veräußern, kaufte die Stadt Sonne-berg den Gebäudekomplex, um diesen im Rahmen einer städtebau-lichen Strukturanpassungsmaßnahme abreißen zu können.

Städtebauliche Analyse
Die durch den Abriss entstandene innerstädtische Brache, mit einer Fläche von 6000 m² befindet sich in zentraler, exponierter Lage, umgeben von einer für die Gründerzeit typischen Wohn- und Ge-schäftshausstruktur. Die Bahnhofsstraße, als belebte Einkaufs- und Fußgängerzone, begrenzt das Grundstück im Nordwesten. Die Ernstraße als reine Anliegerzone und die Köppelsdorfer Straße mit stärkerem Durchgangsverkehr fassen das Gelände in nordöstlicher bzw. südwestlicher Richtung. Im Südosten bildet bestehende Wohn-bebauung den Abschluss des Planungsgebietes.

Im Stadtgefüge nimmt der Platz sowohl funktional als auch im raum-bildenden Sinne eine Position von herausragender Bedeutung ein. In direkter Anbindung an die Hauptgeschäftsstraße (Bahnhofsstraße) kann ihm eine zentrumsgestaltende Funktion zugeschrieben werden.

Für die fußläufige Erschließung , insbesondere vom Hauptbahnhof aus, in dessen nahezu direkter Sichtbeziehung der Platz sich befindet, stellt dieser einen unvermeidlichen Passierungspunkt dar. Auch sämt-liche Verkehrsteilnehmer auf der Hauptverkehrsstraße B89 (Köppelsdorfer Straße) streifen das Grundstück und erhalten ent-sprechend Einblick. Hier entsteht eine Chance zur Repräsentation der Stadt.

Abgesehen von der oben erwähnten Köppelsdorfer Straße, ist das Gelände umfasst von zumindest verkehrsberuhigten Zonen (Ernststraße) oder gar reine Fußgängerbereiche (Bahnhofsstraße).

Entwicklung von Stadtform
Eine Neugestaltung des Planungsgebietes muss unmittelbar zu einer Aufwertung der bestehenden Stadtstruktur führen. Dabei müssen vorhandene Potentiale und Qualitäten genutzt und entsprechend gestärkt werden. Hierbei kann eine erneute bauliche Verdichtung der Brache im Sinne der vorhandenen gründerzeitlichen Blöcke mit Randbebauung und Innenhöfen nicht das Mittel einer zeitgemäßen Gestaltung sein, welche eine Schaffung von Freiräumen und eine Auflockerung des innerstädtischen Kernbereichs unabdingbar macht.

Der durch den Abriss geschaffene Freiraum ist als Potential und Qualität zu betrachten, welcher eine eigene Identität zu erhalten hat und als verbindendes Element zwischen den vorhandenen Gebäude-körpern funktionieren soll.

Eine Rückkehr zum historischen Stadtgrundriss in seiner verdichteten Form führt unweigerlich zu einer Urbanität vormoderner Prägung. Die Bemühungen, der innerstädtischen Leere durch Verdichtung Herr zu werden, erweisen sich in jüngster Zeit mehr und mehr als äußerst zwiespältig. Denn letztlich wurde die Leere, die vorher im offenen Stadtraum existierte, nur in umbaute Leere verwandelt - z.B. in jene zwei Millionen leer stehender Quadratmeter Bürofläche, die in Berlin im letzten Jahr zu verzeichnen hatte.

Anstatt also die Lücke im Baubestand zwanghaft zu schließen, soll die Leere des historischen innerstädtischen Hofes aus der Um-schließung des Blockrandes herausgeführt und mit dem Leerraum der Straße verbunden werden. Der hierdurch entstandene fließende Stadt-raum zwischen den vorhandenen Blöcken wird zur Schaltstelle urbaner Kommunikation. Die Diskontinuität des urbanen Gewebes wurde früher als Problem betrachtet und stellt heute das wichtigste Potential zur Bildung eines modernen Stadtraums dar, welcher im Kontext mit der historischen Bebauung steht. Eine zeitgemäße Einbindung der moder-nen Anforderungen in den historischen Bestand wird hierdurch erst möglich.

Platzgestaltung und Funktion
Der Entwurf sieht die Ausformung einer städtischen Freifläche vor, durch deren Schaffung ein Zentrum entsteht, welches Vielfalt und Lebensqualität an dieser für den Stadtkern so wichtigen Stelle schafft. Es besteht der Bedarf für eine innerstädtische Ruhe- und Verteilerzone mit Verweilcharakter; ein Ort mit sozialer und kommunikativer Funktion.

Die Umgebung erhält durch den Platz eine neue, zeitgemäße Identität. Die Stadtkanten der vorhandenen gründerzeitlichen Bebauung werden aufgenommen und mit Hilfe von Baumachsen und Gestaltungsmitteln (Gabionenwände), bzw. einer möglichen Neubebauung weitergeführt. Diese Neubebauung bildet als Riegel das Rückrat des Platzes und schafft eine funktionale und optische Abgrenzung zum Nachbargrund-stück. Der geforderte Abstand zur Grundstücksgrenze wird einge-halten. Er dient als Erschließungsbereich für das neue Gebäude und als fußläufige Querverbindung zwischen der Ernststraße und der Köppelsdorfer Straße.

Der Platz gliedert sich gestalterisch in unterschiedliche Zonen, welche, jede für sich, verschiedene Aufgaben übernimmt. Gleichzeitig bilden die Bereiche eine funktionale Einheit. In seiner inneren Organisation nimmt der Platz die natürliche Richtung der Fußgängerströme auf. In der Mitte findet sich eine Zone der Aktivität. Einerseits finden hier die größten Fluktuationen statt, andererseits entsteht hier ein Raum zur Ausrichtung von Veranstaltungen, wie beispielsweise Flohmärkte, Open Air Kino oder Konzertveranstal-tungen. Begrenzt wird diese Zone durch eine großzügige Treppen-anlage, die den Höhenunterschied zwischen der nahezu waagerechten Aktivitätsfläche und den umfassenden „ruhigeren“ Bereichen über-windet. In diesen innerstädtischen Erholungszonen sorgen Bäume für ausreichenden Schutz gegen direkte Sonneneinstrahlung und Wind, eine Wasserschlitzkaskade trägt zusätzlich zur Schaffung einer er-holsamen Atmosphäre bei und verbessert gleichzeitig das Klima an heißen Sommertagen in unmittelbarer Umgebung.

Eine gewisse Abschottung erfährt der Platz in Richtung Köppelsdorfer Straße, wegen des Verkehrsaufkommens, durch die Errichtung von Gabionenwänden mit integrierten Sitznischen. Allerdings bleibt genügend Transparenz erhalten, um eine Wahrnehmung des Platzes nicht zu beeinträchtigen.

Mögliche Nutzung
Als zentraler Ort im Herzen der Stadt erscheint eine Nutzung des Planungsgebietes als Raum zum spielerischen Erleben der Stadt-geschichte als naheliegend. Der historische Bezug, in welchem der Platz steht und seine Lage ermöglichen eine Vermittlung von Informationen an die Besucher. Ein Infocafe´ zur Stadtgeschichte bietet die Möglichkeit sowohl für Touristen, als auch für Einheimische sich Wissen über die Stadt anzueignen.

In der angedachten Neubebauung wären neben kommerziellen Nutzungen wie beispielsweise ein Restaurant und Läden, welche zur Belebung des Platzes beitragen, auch die Unterbringung eines Stadt-archivs bzw. eines Stadtmuseums und einer Stadtgalerie möglich. Beide Nutzungen würden von dem so entstehenden Synergieeffekt profitieren. Das obere Geschoss bietet die Möglichkeit, Raum für modernes städtisches Wohnen zu schaffen. Durch seine zentrale Lage wäre auch die Unterbringung von Dienstleistungen denkbar.

Bauphasen
Der Entwurf bietet die Möglichkeit, die Neugestaltung in zwei Bau-phasen zu verwirklichen. Dabei ist die Ausführung der Phase 2 zur Gewährleistung der Platzfunktion nicht dringend erforderlich; sie stellt lediglich eine Verbesserung der Infrastruktur und des Angebotes dar.

In der ersten Bauphase wird der Platz in seiner vollen Gestalt aus-geformt. Allerdings wird an Stelle des Gebäuderiegels eine Feinkies-fläche errichtet, welche als Freifläche dient und dem mobilen Infocafe´ auf einer Holzstegunterkonstruktion Raum bietet.

Bei Errichtung des Gebäudes in der zweiten Bauphase wird das mobile Cafe´ an die Bahnhofsstraße versetzt, wo es in exponierter Lage in seiner Funktion weitergeführt werden kann. Ein Aufstellen des Cafes an anderer Stelle innerhalb der Stadt kann als zusätzliche Option in Betracht gezogen werden.

Materialien
In der Verwendung der Materialien sollen regionale und ortstypische Baustoffe (Schiefer, Grauwacke, Muschelkalk und Sandstein) Ver-wendung finden. Großformatige Platten in den Flächen in Kombination mit Granitbänderung und Granitstufen sollen den Platz lebendig und natürlich gestalten.

In den Gabionenwänden soll das Material der bestehenden Pfeiler verwendet werden, um symbolisierend die ehemalige Gebäudekante des PIKO-Gebäudes aufzunehmen.

Zeit und Raum für Geschichte
In der geschichtlichen Entwicklung der Stadt Sonneberg hat, wie bereits oben erwähnt, die Produktion von Spielzeug eine besondere Bedeutung. Aber die Ereignisse der Vergangenheit haben auch hier zeitweise zu einer Verdrängung geführt. Durch die Versiegelung des Platzes besteht die Gefahr das Geschichte unter der neuen Ober-fläche verschwindet und in Vergessenheit gerät. Um dem entgegen-zuwirken, sieht der Entwurf eine Durchdringung des neu Geschaffenen mit den Spuren der Vergangenheit vor. Den Besuchern des Platzes werden diese Fährten gelegt, wodurch Neugierde geweckt und eine Auseinandersetzung mit der Geschichte angeregt wird. Sofort ins Auge fallen die Stützpfeiler des ehemaligen PIKO-Gebäudes, welche erhalten bleiben sollen. Aber auch unscheinbarere Spuren werden gelegt. Beispielsweise die Darstellung der Umrisse des einstigen Borgfeld-Gebäudes im neuen Oberflächenbelag durch eingelegte Metallstreifen und ein Blickfenster der Historie im Boden, durch welches die noch vorhandenen alten Gebäudefundamente sichtbar werden. Die Geschichte durchdringt die Gegenwart und ist wie durch ein Schaufenster sichtbar und erlebbar. Eingelassene Schrifttafeln verweisen an den verschiedenen Stellen auf die geschichtlichen Zusammenhänge.

Spielskulpturen auf dem Platz, welche als Kunst am Bau-Projekte das Thema der spielerischen Erfahrung der Stadtgeschichte thematisieren könnten, bzw. den Fluss der Zeit im Zusammenspiel mit den Kräften der Natur (Wind, Wasser, Licht) aufzeigen, stellen eine Abrundung dieses Gesamtkonzeptes dar.

Zusätzlich besteht die Möglichkeit, den Platz als Ausgangspunkt für einen stadtgeschichtlichen Rundgang mit ausführlichen Informationen im Info-Cafe´ anzubieten.

Fazit
Durch die vorgesehene Neugestaltung des Platzes wird ein weiterer städtebaulicher Akzent im Stadtkern geschaffen. Die Einkaufs- und Fußgängerzone erhält eine markante Aufwertung, die für Besucher und Bewohner in gleicher Weise erlebbar wird. Das Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart in der Oberfläche des Platzes ver-weisen auf einen zukunftsorientierten Weg ohne das Geschehene zu vergessen.

 

 
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