Erläuterungsbericht
STATT BRACHE Ideenwettbewerb
PIKO Areal Sonneberg
Geschichte
Das Gelände der
ehemaligen PIKO kann auf eine recht bewegte Ge-schichte zurückschauen und
spielt in der Entwicklung der Stadt Sonneberg eine zentrale Rolle.
Als führender
Großhandelsbetrieb für Spielwaren eröffnete im Jahr 1887 die mit
Hauptsitz in den USA ansässige Firma Borgfeld auf dem Areal an der
Köppelsdorfer Straße eine Niederlassung. Die zukünftige Bedeutung der
Stadt als Zentrum der Spielzeugherstellung wurde somit durch die Firma
Borgfeld maßgebend vorangetrieben und manifestiert.
Die
Weltwirtschaftskrise und die Verdrängung der Spielzeugindustrie durch
rüstungsrelevante Betriebe führte 1933 zur Aufgabe der Produktion. 1937
begann auf dem ehemaligen Firmengelände der Bau des
Luftwaffenbekleidungsamtes, in welches der bestehende Ge-bäudekomplex
einbezogen wurde. Das damals sogenannte Baufelds-Eck, Sitz der
gleichnamigen Speditionsfirma und Gastwirtschaft, fiel den stringenten
Baumaßnahmen der Nationalsozialisten zum Opfer und es entstand eine
nüchterne Blockrandbebauung an der schon da-mals belebtesten Kreuzung des
Stadtzentrums.
Nach dem Krieg
diente das Gebäude als Quarantänelager für Flücht-linge, bevor 1948 die
Volkspolizei, der Rat des Kreises sowie weitere Dienststellen einzogen.
Im Jahr 1959
beschloss die SED das sogenannte „Spielwaren-dokument der DDR“, dass
den Aufbau der Pionierkonstruktion (PIKO) in Sonneberg vorsah. Ab 1963
wurden Modelleisenbahnen und elektromechanische Spielzeuge auf dem
ehemaligen Borgfeld-Gelände hergestellt.
Durch starken
Produktionsrückgang nach der Wende, sah sich die PIKO gezwungen, dass
für sie zu groß gewordene Areal aufzugeben. Nachdem vergeblichen Versuch
des Bundesvermögensamtes die Immobilie an private Investoren zu
veräußern, kaufte die Stadt Sonne-berg den Gebäudekomplex, um diesen im
Rahmen einer städtebau-lichen Strukturanpassungsmaßnahme abreißen zu
können.
Städtebauliche
Analyse
Die durch den Abriss
entstandene innerstädtische Brache, mit einer Fläche von 6000 m²
befindet sich in zentraler, exponierter Lage, umgeben von einer für die
Gründerzeit typischen Wohn- und Ge-schäftshausstruktur. Die
Bahnhofsstraße, als belebte Einkaufs- und Fußgängerzone, begrenzt das
Grundstück im Nordwesten. Die Ernstraße als reine Anliegerzone und die
Köppelsdorfer Straße mit stärkerem Durchgangsverkehr fassen das
Gelände in nordöstlicher bzw. südwestlicher Richtung. Im Südosten
bildet bestehende Wohn-bebauung den Abschluss des Planungsgebietes.
Im Stadtgefüge
nimmt der Platz sowohl funktional als auch im raum-bildenden Sinne eine
Position von herausragender Bedeutung ein. In direkter Anbindung an die
Hauptgeschäftsstraße (Bahnhofsstraße) kann ihm eine zentrumsgestaltende
Funktion zugeschrieben werden.
Für die
fußläufige Erschließung , insbesondere vom Hauptbahnhof aus, in dessen
nahezu direkter Sichtbeziehung der Platz sich befindet, stellt dieser
einen unvermeidlichen Passierungspunkt dar. Auch sämt-liche
Verkehrsteilnehmer auf der Hauptverkehrsstraße B89 (Köppelsdorfer
Straße) streifen das Grundstück und erhalten ent-sprechend Einblick. Hier
entsteht eine Chance zur Repräsentation der Stadt.
Abgesehen von der
oben erwähnten Köppelsdorfer Straße, ist das Gelände umfasst von
zumindest verkehrsberuhigten Zonen (Ernststraße) oder gar reine
Fußgängerbereiche (Bahnhofsstraße).
Entwicklung von
Stadtform
Eine Neugestaltung
des Planungsgebietes muss unmittelbar zu einer Aufwertung der bestehenden
Stadtstruktur führen. Dabei müssen vorhandene Potentiale und Qualitäten
genutzt und entsprechend gestärkt werden. Hierbei kann eine erneute
bauliche Verdichtung der Brache im Sinne der vorhandenen
gründerzeitlichen Blöcke mit Randbebauung und Innenhöfen nicht das
Mittel einer zeitgemäßen Gestaltung sein, welche eine Schaffung von
Freiräumen und eine Auflockerung des innerstädtischen Kernbereichs
unabdingbar macht.
Der durch den Abriss
geschaffene Freiraum ist als Potential und Qualität zu betrachten,
welcher eine eigene Identität zu erhalten hat und als verbindendes
Element zwischen den vorhandenen Gebäude-körpern funktionieren soll.
Eine Rückkehr zum
historischen Stadtgrundriss in seiner verdichteten Form führt
unweigerlich zu einer Urbanität vormoderner Prägung. Die Bemühungen,
der innerstädtischen Leere durch Verdichtung Herr zu werden, erweisen
sich in jüngster Zeit mehr und mehr als äußerst zwiespältig. Denn
letztlich wurde die Leere, die vorher im offenen Stadtraum existierte, nur
in umbaute Leere verwandelt - z.B. in jene zwei Millionen leer stehender
Quadratmeter Bürofläche, die in Berlin im letzten Jahr zu verzeichnen
hatte.
Anstatt also die
Lücke im Baubestand zwanghaft zu schließen, soll die Leere des
historischen innerstädtischen Hofes aus der Um-schließung des Blockrandes
herausgeführt und mit dem Leerraum der Straße verbunden werden. Der
hierdurch entstandene fließende Stadt-raum zwischen den vorhandenen
Blöcken wird zur Schaltstelle urbaner Kommunikation. Die Diskontinuität
des urbanen Gewebes wurde früher als Problem betrachtet und stellt heute
das wichtigste Potential zur Bildung eines modernen Stadtraums dar,
welcher im Kontext mit der historischen Bebauung steht. Eine zeitgemäße
Einbindung der moder-nen Anforderungen in den historischen Bestand wird
hierdurch erst möglich.
Platzgestaltung und
Funktion
Der Entwurf sieht
die Ausformung einer städtischen Freifläche vor, durch deren Schaffung
ein Zentrum entsteht, welches Vielfalt und Lebensqualität an dieser für
den Stadtkern so wichtigen Stelle schafft. Es besteht der Bedarf für eine
innerstädtische Ruhe- und Verteilerzone mit Verweilcharakter; ein Ort mit
sozialer und kommunikativer Funktion.
Die Umgebung erhält
durch den Platz eine neue, zeitgemäße Identität. Die Stadtkanten der
vorhandenen gründerzeitlichen Bebauung werden aufgenommen und mit Hilfe
von Baumachsen und Gestaltungsmitteln (Gabionenwände), bzw. einer
möglichen Neubebauung weitergeführt. Diese Neubebauung bildet als Riegel
das Rückrat des Platzes und schafft eine funktionale und optische
Abgrenzung zum Nachbargrund-stück. Der geforderte Abstand zur
Grundstücksgrenze wird einge-halten. Er dient als Erschließungsbereich
für das neue Gebäude und als fußläufige Querverbindung zwischen der
Ernststraße und der Köppelsdorfer Straße.
Der Platz gliedert
sich gestalterisch in unterschiedliche Zonen, welche, jede für sich,
verschiedene Aufgaben übernimmt. Gleichzeitig bilden die Bereiche eine
funktionale Einheit. In seiner inneren Organisation nimmt der Platz die
natürliche Richtung der Fußgängerströme auf. In der Mitte findet sich
eine Zone der Aktivität. Einerseits finden hier die größten
Fluktuationen statt, andererseits entsteht hier ein Raum zur Ausrichtung
von Veranstaltungen, wie beispielsweise Flohmärkte, Open Air Kino oder
Konzertveranstal-tungen. Begrenzt wird diese Zone durch eine großzügige
Treppen-anlage, die den Höhenunterschied zwischen der nahezu waagerechten
Aktivitätsfläche und den umfassenden „ruhigeren“ Bereichen
über-windet. In diesen innerstädtischen Erholungszonen sorgen Bäume für
ausreichenden Schutz gegen direkte Sonneneinstrahlung und Wind, eine
Wasserschlitzkaskade trägt zusätzlich zur Schaffung einer er-holsamen
Atmosphäre bei und verbessert gleichzeitig das Klima an heißen
Sommertagen in unmittelbarer Umgebung.
Eine gewisse
Abschottung erfährt der Platz in Richtung Köppelsdorfer Straße, wegen
des Verkehrsaufkommens, durch die Errichtung von Gabionenwänden mit
integrierten Sitznischen. Allerdings bleibt genügend Transparenz
erhalten, um eine Wahrnehmung des Platzes nicht zu beeinträchtigen.
Mögliche Nutzung
Als zentraler Ort im
Herzen der Stadt erscheint eine Nutzung des Planungsgebietes als Raum zum
spielerischen Erleben der Stadt-geschichte als naheliegend. Der historische
Bezug, in welchem der Platz steht und seine Lage ermöglichen eine
Vermittlung von Informationen an die Besucher. Ein Infocafe´ zur
Stadtgeschichte bietet die Möglichkeit sowohl für Touristen, als auch
für Einheimische sich Wissen über die Stadt anzueignen.
In der angedachten
Neubebauung wären neben kommerziellen Nutzungen wie beispielsweise ein
Restaurant und Läden, welche zur Belebung des Platzes beitragen, auch die
Unterbringung eines Stadt-archivs bzw. eines Stadtmuseums und einer
Stadtgalerie möglich. Beide Nutzungen würden von dem so entstehenden
Synergieeffekt profitieren. Das obere Geschoss bietet die Möglichkeit,
Raum für modernes städtisches Wohnen zu schaffen. Durch seine zentrale
Lage wäre auch die Unterbringung von Dienstleistungen denkbar.
Bauphasen
Der Entwurf bietet
die Möglichkeit, die Neugestaltung in zwei Bau-phasen zu verwirklichen.
Dabei ist die Ausführung der Phase 2 zur Gewährleistung der
Platzfunktion nicht dringend erforderlich; sie stellt lediglich eine
Verbesserung der Infrastruktur und des Angebotes dar.
In der ersten
Bauphase wird der Platz in seiner vollen Gestalt aus-geformt. Allerdings
wird an Stelle des Gebäuderiegels eine Feinkies-fläche errichtet, welche
als Freifläche dient und dem mobilen Infocafe´ auf einer
Holzstegunterkonstruktion Raum bietet.
Bei Errichtung des
Gebäudes in der zweiten Bauphase wird das mobile Cafe´ an die
Bahnhofsstraße versetzt, wo es in exponierter Lage in seiner Funktion
weitergeführt werden kann. Ein Aufstellen des Cafes an anderer Stelle
innerhalb der Stadt kann als zusätzliche Option in Betracht gezogen
werden.
Materialien
In der Verwendung
der Materialien sollen regionale und ortstypische Baustoffe (Schiefer,
Grauwacke, Muschelkalk und Sandstein) Ver-wendung finden. Großformatige
Platten in den Flächen in Kombination mit Granitbänderung und
Granitstufen sollen den Platz lebendig und natürlich gestalten.
In den
Gabionenwänden soll das Material der bestehenden Pfeiler verwendet
werden, um symbolisierend die ehemalige Gebäudekante des PIKO-Gebäudes
aufzunehmen.
Zeit und Raum für
Geschichte
In der
geschichtlichen Entwicklung der Stadt Sonneberg hat, wie bereits oben
erwähnt, die Produktion von Spielzeug eine besondere Bedeutung. Aber die
Ereignisse der Vergangenheit haben auch hier zeitweise zu einer
Verdrängung geführt. Durch die Versiegelung des Platzes besteht die
Gefahr das Geschichte unter der neuen Ober-fläche verschwindet und in
Vergessenheit gerät. Um dem entgegen-zuwirken, sieht der Entwurf eine
Durchdringung des neu Geschaffenen mit den Spuren der Vergangenheit vor.
Den Besuchern des Platzes werden diese Fährten gelegt, wodurch Neugierde
geweckt und eine Auseinandersetzung mit der Geschichte angeregt wird.
Sofort ins Auge fallen die Stützpfeiler des ehemaligen PIKO-Gebäudes,
welche erhalten bleiben sollen. Aber auch unscheinbarere Spuren werden
gelegt. Beispielsweise die Darstellung der Umrisse des einstigen
Borgfeld-Gebäudes im neuen Oberflächenbelag durch eingelegte
Metallstreifen und ein Blickfenster der Historie im Boden, durch welches
die noch vorhandenen alten Gebäudefundamente sichtbar werden. Die
Geschichte durchdringt die Gegenwart und ist wie durch ein Schaufenster
sichtbar und erlebbar. Eingelassene Schrifttafeln verweisen an den
verschiedenen Stellen auf die geschichtlichen Zusammenhänge.
Spielskulpturen auf
dem Platz, welche als Kunst am Bau-Projekte das Thema der spielerischen
Erfahrung der Stadtgeschichte thematisieren könnten, bzw. den Fluss der
Zeit im Zusammenspiel mit den Kräften der Natur (Wind, Wasser, Licht)
aufzeigen, stellen eine Abrundung dieses Gesamtkonzeptes dar.
Zusätzlich besteht
die Möglichkeit, den Platz als Ausgangspunkt für einen
stadtgeschichtlichen Rundgang mit ausführlichen Informationen im
Info-Cafe´ anzubieten.
Fazit
Durch die vorgesehene Neugestaltung
des Platzes wird ein weiterer städtebaulicher Akzent im Stadtkern
geschaffen. Die Einkaufs- und Fußgängerzone erhält eine markante
Aufwertung, die für Besucher und Bewohner in gleicher Weise erlebbar
wird. Das Zusammenspiel von Vergangenheit und Gegenwart in der Oberfläche
des Platzes ver-weisen auf einen zukunftsorientierten Weg ohne das
Geschehene zu vergessen.